Ich bin Beate. Ich bin Ur-Wie­ne­rin. Und wie es sich für eine Ur-Wie­ne­rin ge­hört, gibt es auch in meiner Familie einen „Migrationshintergrund“. Meine Urgroßeltern sind aus Mähren zugewandert.

Kindheit und erste Prägungen

Es waren beide Großmütter, die, neben meinen Eltern, sehr wichtig für mich waren. Als AHS-Pro­fes­so­rin­nen voll be­rufs­tä­tig waren (und sind) sie star­ke und selbst­be­stimm­te Frau­en. Die Mut­ter mei­nes Va­ters, die lei­der im ver­gan­ge­nen Jahr mit 97 Jah­ren ge­stor­ben ist, muss­te au­ßer­dem zwei Kin­der al­lei­ne groß­zie­hen. Der Tod mei­nes Groß­va­ters kam früh und über­ra­schend.

Ich hatte das, was man eine be­hü­te­te Kind­heit nennt – auch wenn es mit zwei Geschwistern oftmals turbulent zuging.Ge­bor­gen­heit, Liebe, För­de­rung und Re­spekt habe ich in meiner Familie gespürt. Vor allem aber bin ich meinen Eltern dankbar dafür, dass sie uns Kindern Mitgefühl und Empathie vermittelt haben und das Gefühl dafür, dass Faktoren wie Gesundheit oder ein gewisser Lebensstandard nicht selbstverständlich sind.  Trotz­dem oder vielleicht auch des­halb hatte ich einen starken Freiheitsdrang und habe gleich nach der Ma­tu­ra in der Wa­sa­gas­se das behütete Nest verlassen.

Studienjahre: Freiheit und Eigenverantwortung erleben

In den folgenden Jahren habe ich Wien aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kennen gelernt: Ich bin viel gesiedelt, habe im 17., im 4., im 23., im 14. und im 2. Bezirk gelebt. In besonderer Erinnerung ist mir meine erste eigene Wohnung geblieben: WC am Gang und Heizung mit Ölofen. Den Ge­ruch nach Heizöl, der meine Woh­nung im Win­ter durch­strömt hat, ver­bin­de ich immer noch mit Frei­heit und Ei­gen­stän­dig­keit.

Freiheit und Selbstbestimmung waren immer zentrale Elemente meines Lebens – gerade auch in meiner Studienzeit. Schnell habe ich gemerkt, dass beides mit einem großen Brocken Eigenverantwortung daherkommt. Nachdem ich neben meinem Studium immer gearbeitet habe – erst in einem Supermarkt, dann in der Mietrechtsberatung – musste ich lernen, mich und mein Leben selbst zu organisieren.

Studiert habe ich Jus. Mein Herz mach­te zwar ei­ni­ge Ver­su­che mich in Rich­tung Schau­spiel oder Kunstgeschichte zu lei­ten, aber der Kopf war stär­ker. Das logische Denken und das gesellschaftsgestalterische Element der Rechtswissenschaften haben mich damals angesprochen und ich habe diese Entscheidung nie bereut.

Schon wäh­rend des Stu­di­ums in Wien wurde mir klar, dass ich unser ge­mein­sa­mes Eu­ro­pa kennenlernen möch­te. Als ich 1996 be­gann Jus zu stu­die­ren, war Ös­ter­reich zwar Mit­glied der Eu­ro­päi­schen Union, Eu­ro­pa­recht aber noch nicht ein­mal ein Pflicht­fach auf der Uni. Daher habe ich nach Abschluss meines Studiums auch noch den „Mas­ter in Eu­ro­pean Stu­dies“ an der Donau Uni Krems absolviert – auch weil mir der wirtschaftswissenschaftliche Schwerpunkt des Studiums wichtig war.

Hainburg, Mauerfall und Lichtermeer

In mei­nem Leben gibt es ei­ni­ge, für mich sehr bedeutende po­li­ti­sche So­zia­li­sie­rungs­punk­te. Als kleines Kind habe ich  ich die Hain­bur­ger Au-Be­set­zung miterlebt, die mein Vater als junger Arzt im Spi­tal in Hain­burg als „Auarzt“ zur Versorgung der Demonstranten tätig war.  Der Re­ak­tor­un­fall in Tscher­no­byl – am Tag nach mei­nem 8. Ge­burts­tag – ist mir sehr prä­gend in Er­in­ne­rung und hat mir Angst ge­macht. Meine Familie war an dem Tag länger im Auto unterwegs und ich erinnere mich an die wiederkehrenden Schreckensmeldungen im Radio.

Be­son­ders be­wegt hat mich der Mau­er­fall. Die Emo­tio­nen mei­ner El­tern, die Bil­der der Men­schen, die in die Frei­heit lau­fen und die Frei­heit fei­ern, werde ich nie ver­ges­sen. Gerade deswegen ist mir unser vereintes Europa so wichtig und gerade deswegen kann und ich will ich kein Verständnis für jene politischen Kräfte aufbringen, die heute wieder Zäune und Mauern auf unserem Kontinent bauen wollen.

Als Schü­le­rin habe ich den Auf­stieg Jörg Hai­ders er­lebt und ge­se­hen, wie er die Ge­sell­schaft gespalten hat. Viele Par­al­le­len von damals sehe ich heute leider wie­der. Haiders Kritik am politischen System konnte ich nachvollziehen, seine Tonalität und sein bewusstes Anstreifen an NS-Rhethorik sowie ausländerfeindliche Tendenzen konnte ich jedoch nicht ertragen. In­so­fern waren starke zivilgesellschaftliche Zeichen, wie das Lich­ter­meer, sehr be­deu­tend für mich. Bei der ers­ten Wahl, bei der ich wäh­len konn­te, wähl­te ich das LIF.

Erste Schritte in die Politik

Das erste Mal politisch engagiert habe ich mich im Jahr 2002. Aus Abgrenzung zur damaligen schwarz-blau­en Ko­ali­ti­on grün­de­te ich mit Freun­den ge­mein­sam die In­itia­ti­ve schwarz­gru­en.​org. Wir haben nach der Wahl 2002 eine Ko­ali­ti­on der ÖVP mit den Grü­nen pro­pa­giert – leider er­folg­los. Aber unser An­trieb war stark: Unser Anspruch war nicht nur gegen etwas zu sein, sondern auch die po­si­ti­ve Al­ter­na­ti­ve auf­zu­zei­gen. Das ist auch heute mein Leitbild, wie ich aktives politisches Gestalten verstehe.

Auch, wenn ich da­mals zum Teil nach­voll­zie­hen konn­te, dass es an­de­re Mehr­hei­ten in Ös­ter­reich braucht als jene, jede Re­form ver­hin­dernde ehe­mals „Große Ko­ali­ti­on“, so ist für mich, da­mals wie heute, der Preis einer FPÖ in der Regierung zu hoch. Diese Partei, die bewusst mit ein­deu­ti­gen NS-Bezügen Po­li­tik macht und wohl bewusst nie eine Ab­gren­zung un­ter­nom­men hat, darf nicht in Regierungsverantwortung. Zudem haben FPÖ-Politiker durch eine Reihe von Korruptionsskandalen, die immer noch die Justiz beschäftigen, gezeigt, dass es ihnen schlicht um ihren eigenen Nutzen ging. Das ist genau das Gegenteil von dem, was Politik soll: nämlich nach einem Nutzen für möglichst viele einzelne Menschen Sorge zu tragen.

Der Weg zur europäischen Wienerin

Die Po­li­tik zog mich immer mehr in ihren Bann. Durch ein Trainee­pro­gramm der WKÖ bin ich 2005 nach Brüs­sel gegangen: Zu­nächst habe ich in der Kom­mis­si­on gearbeitet, da­nach als As­sis­ten­tin von Oth­mar Karas.

Eu­ro­pa und die Eu­ro­päi­sche Union haut­nah er­le­ben zu dür­fen war für mich ein Pri­vi­leg. Durch meine Jahre im Ausland habe ich mein Wien umso mehr schätzen und lieben gelernt. Aber auch klarer gesehen, welche Potentiale und Chancen hier erstickt werden.

Zurück aus Brüs­sel nahm ich wenig spä­ter einen Job als Re­fe­ren­tin im Ka­bi­nett der da­ma­li­gen Staats­se­kre­tä­rin Chris­ti­ne Marek an. Kon­kret waren meine The­men Frau­en am Ar­beits­markt, Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Beruf, In­te­gra­ti­on und spä­ter auch Fa­mi­li­en­po­li­tik. Re­gie­rungs­ar­beit zu er­le­ben war eine span­nen­de Er­fah­rung. 2008 durf­te ich auch Re­gie­rungs­ver­hand­lun­gen mit­füh­ren. Nach der Ge­burt mei­ner ers­ten Toch­ter im März 2009 ging ich nach kur­zer Ba­by­pau­se mit Chris­ti­ne Marek mit in die Wie­ner ÖVP.

Dort wurde mir na­he­ge­legt ÖVP-Mit­glied zu wer­den, denn „man kann doch nicht für die ÖVP Wien ar­bei­ten ohne Mit­glied zu sein“… Nach der für mich wenig überraschenden Wahl­schlap­pe 2010, beteiligte ich mich am Ver­such einer in­halt­li­chen wie struk­tu­rel­len Neu­aus­rich­tung der ÖVP Wien. Und das mit einer oft li­be­ra­le­ren Hal­tung als ich es bei der Mehr­heit der ÖVP-Füh­rung ge­se­hen habe. Und ich habe  auch immer die Struk­tu­ren in Frage ge­stellt. Meine Bemühungen waren leider zum Schei­tern ver­ur­teilt. An ech­ten Än­de­run­gen war dort nie­mand in­ter­es­siert.

Höchste Zeit für was NEOS

Die Ge­burt mei­ner zwei­ten Toch­ter im April 2012 war mein richtiger Zeit­punkt aus­zu­stei­gen. Mehr noch: Endlich bot sich mir die Möglichkeit in und für Österreich etwas zu bewegen. Mit einer kleinen und umso engagierteren Gruppe an hochpolitischen Menschen, denen Freiheit, Eigenverantwortung und echte Reformen genauso ein Anliegen waren wie mir, habe ich NEOS gegründet.

Der Schritt meine angestammte politische Heimat zu verlassen, ist mir nicht leicht gefallen. Aus einem starken Netzwerk auszusteigen und – viel mehr noch – gegen dieses aufzutreten war kein Leichtes. Mit zwei kleinen Kindern wäre es leichter gewesen einen jener Jobs („Da brauchen wir einen von uns…“) anzunehmen, die mir angeboten worden sind. Gerade mit einer jungen Familie ist man versucht, im System zu bleiben anstatt sich dagegen aufzulehnen.

Bereut habe ich diesen Schritt keine Sekunde. Denn vom Sofa aus lässt sich das, was einen stört, nicht verändern. Manch­mal muss man auf­ste­hen und sel­bst für Ver­än­de­rung kämp­fen. Ge­ra­de, wenn man wü­tend ist.

Das bin ich auch mei­nen Töch­tern schul­dig, wenn sie mich mal fra­gen: „Und, was hast Du getan?“ Ich werde dann meinen Töch­tern und En­keln meine Ge­schich­te er­zäh­len. Vom Auf­ste­hen, vom Kämp­fen um Ver­än­de­rung und von dem un­be­schreib­lich guten Ge­fühl, wenn diese Ver­än­de­rung ge­lingt. Denn diese Veränderung ist mein Traum.