Ein Supergrätzel für die Josefstadt?

14. Oktober 2021

Was in Wien unter dem Begriff „Supergrätzel“ durch die Medien geht, kennt man international als Superblock. Aber was ist das eigentlich?

Infoveranstaltung als Startschuss

Das Konzept des Superblocks entstand in den 1990er-Jahren in Spanien, genauer gesagt in Barcelona. Das Verkehrsaufkommen sowie die Lärmbelästigung waren damals enorm und genau dafür wurde eine Lösung gesucht. 1993 entstand ein erstes Pilotprojekt mit ausgeklügeltem Einbahnstraßen-System, das den Autoverkehr auf wenige Straßen reduzieren sollte. Parkplätze sollten nur noch für Bewohnerinnen und Bewohner des besagten Stadtteils zur Verfügung stehen. Ziel war es das Viertel verkehrsberuhigter, grüner, kühler und grundsätzlich attraktiver für die Anrainer_innen zu gestalten. Neben dem Verkehr sollten in weiterer Folge auch soziale Einrichtungen, zum Beispiel für die medizinische Versorgung, in diesen Superblocks sichergestellt werden.

Und das Ergebnis? Studien, die die Effekte des Superblocks untersucht haben, zeigen absolut positive Ergebnissen (LINK: https://orf.at/stories/3136899/): bessere Luft, kühlere Sommer, mehr Lebensqualität – die Menschen leben gesünder, gehen mehr zu Fuß oder fahren mit dem Rad. Die lokalen Geschäfte und Lokale wurden wiederbelebt und profitieren von der neuen Situation.

Alles in allem Ergebnisse und Aussichten, die wir uns für die Josefstadt wünschen. Ob das geht und falls ja, unter welchen Bedingungen und mit welchen Voraussetzungen, das fragten wir unsere Gäste bei der Infoveranstaltung am 4.10.2021 in der Wäscherei.

Superblocks in Wien?

Das Thema Supergrätzel ist schon seit einigen Jahren in Wien angekommen. Den Beginn machte der 2. Bezirk. Die Umsetzung eines solche Supergrätzels hätte im Volkertviertel im Sommer 2021 beginnen sollen, jedoch wurde das Projekt nach dem Wechsel der Bezirksvorstehung von „grün“ auf „rot“ vorerst (?) auf Eis gelegt. Die im Rahmen dieses Pilotprojektes entstandene Machbarkeitsstudie zum Superblock-Konzept wurde bis dato leider nicht veröffentlicht.  

Die Modellregion im 2. Wiener Bezirk wurde also nicht verwirklicht, jedoch steht ein zweiter Versuch bereits in den Startlöchern - in Favoriten. Das Projektgebiet liegt im Bereich Gudrunstraße, Leebgasse, Quellenstraße und Neilreichgasse. (Link https://www.wien.gv.at/verkehr-stadtentwicklung/supergraetzl-favoriten.html)

„Supergrätzel sind ein wichtiges Thema zur Erreichung der Klimaziele. Neben Sanierungen und Anpassungsmaßnahmen müssen vor allem der öffentliche Raum attraktiviert, die Aufenthaltsqualität gesteigert und die Hitzeinseln in der Stadt reduziert werden“, sagte Selma Arapovic zu Beginn unserer Veranstaltung.   

Buttom up oder Top down? Supergrätzel-Initiativen in Wien 

Wie lassen sich Supergrätzel nun konkret umsetzen?

Die Agendagruppe – das „Super Lichtenthal“ hat uns an ihren Erfahrungen teilhaben lassen. Sie identifizieren 3 Kernthemen für ein Supergrätzel:

1.     Die Umsetzung einer klimafitten Stadt

2.     Die Zurückeroberung des öffentlichen Raums durch Begegnungs- und Begrünungszonen für alle Generationen

3.     Die Partizipation aller Bürger_innen

Und genau daran arbeiten sie mit einer Gruppe engagierter Bürger_innen intensiv. Hier wurde statt Top down also der Buttom-up-Zugang gewählt.

 Im 12. Bezirk wurde das Supergrätzel während des ersten Lockdowns, eher aus Zufall, geboren. Sigrid Mayer und ihr Mann Helmut Telefont schauten statt Netflix lieber aus dem Fenster und haben gemeinsam „Mei Meidling“ ins Leben gerufen.

In teilweise nächtlichen Aktionen haben sie ihr Viertel vermessen und Daten gesammelt - und dann mit der Visualisierung begonnen. Die ersten Ergebnisse ihrer Arbeit zeigten sie Freunden. Die Resonanz war so überwältigend, dass sie ihre Ideen im Rahmen der Design Week 2020 vorstellten. Die bisher erreichten Meilensteine können sich wahrlich sehen, hören und lesen lassen. Wer sich in Wien mit dem Thema Supergrätzel beschäftigt, kommt an dieser Initiative definitiv nicht vorbei.   

Und was tut sich in der Josefstadt?

In der Josefstadt können wir auf eine großartige Vorarbeit der Agendagruppe Radfahren zurückgreifen, die mit ihrem Konzept 2019/2020 bereits den Klimaschutzpreis der Josefstadt gewonnen haben. Markus Edelmann und Ulrich Leth waren bei unserer Infoveranstaltung als Experten dabei. 

In der Josefstadt gibt es ein Spinnennetz an Durchzugsstraßen. Die Überlegung der Radgruppe war es, die Josefstadt davon zu befreien und „geschützte Grätzel“ zu etablieren. Hierfür wurden drei mögliche Bereiche herausgehoben.

Das Ziel dieser geschützten Grätzel? Die Lebensqualität der Bewohner_innen erhöhen!

1.     Durchzugsverkehr verhindern

2.     Flächen für Begrünung gewinnen

3.     Aufenthaltsflächenveränderung und Nutzungsänderung des öffentlichen Raums erwirken

Die daraus entstehenden, natürlich gewünschten Folgen:

1.     Verkehrsberuhigung und dadurch mehr Verkehrssicherheit

2.     Mehr Menschen auf der Straße, die den öffentlichen Raum gemeinsam nutzen

3.     Mehr Frequenz für Lokale und Geschäfte vor Ort, also die „Steigerung der Geldbörseldichte“ (Prof. Knoflacher)

Nach den drei spannenden Impulsvorträgen folgte eine rege Diskussion unter den Teilnehmer_innen, die mit ihrer Anzahl die Wäscherei bis zum letzten Platz füllten. Die spannenden Fragen, zu denen unsere Expert_innen Stellung bezogen haben, werden wir in unserem nächsten Beitrag gesondert zusammenfassen.

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