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Denk‘ mal, ein Mahnmal

Das temporäre Mahnmal für die homosexuellen NS-Opfer am Naschmarkt neben dem Marktamt, Kettenbrückengasse, ist ein Beispiel für inhaltliche Themenverfehlung, städtisches Desinteresse und künstlerische Irrelevanz.

Die Ende April errichtete und der interessierten Öffentlichkeit übergebene Konstruktion am sog. „Landparteienplatz“, der Fläche zwischen Ampelübergang Linke Wienzeile und Marktamt ist 1) ein jugendgerechter, sportlicher Freiraum oder 2) eine körpergrößengerechte Teppichklopfanlage für die Anrainer aus dem 4. und 6. Bezirk oder 3) ein artengerechter Verweilplatz für die Vögel Wiens?

Nein, es ist das offizielle, temporäre Mahnmal für die homosexuellen NS-Opfer der „Regenbogenstadt“ Wien. Es ist zum Weinen, wenn es nicht zum Lachem wär‘.

Temporäres Mahnmal für die homosexuellen NS-Opfer
Bildnachweis: Iris Ranzinger / KÖR GmbH, 2015

Ein Denkmal für die homosexuellen Opfer ist wichtig und der Ort ist richtig

Dabei ist ein künftig dauerhaftes Denkmal für die homosexuellen Männer und Frauen, die in der Vergangenheit Opfer staatlicher und gesellschaftlicher Verfolgung waren, ein wichtiger Baustein städtischer Erinnerungskultur und wird auch ein Bedürfnis nach Gedenken geschichtsbewußter Schwuler und Lesben stillen.

Und schließlich wäre ein solches „Erinnerungszeichen“ auch ein deutlicher Kontrapunkt zu der nach wie vor verklärenden Rückschau auf die „gute alte Zeit“ vor dem 1. Weltkrieg und der bisweilen amoklaufenden Tourismus-Industrie zwischen „Sissi“-Appartments, Schloß Schönbrunn und pseudo-historischen Konzertorchestern.

Denn schon vor der „dunklen Epoche“ der NS-Zeit, wurden Homosexuelle, d.h. in der Regel: sich gleichgeschlechtlichem Sexualverkehr hingebende Frauen und Männer, die sich dadurch seit 1852 strafbar machten nach StGB § 129 I b (Unzucht wider die Natur mit Personen desselben Geschlechts), mehr oder minder systematisch durch staatliche Organe verfolgt. Die NS-Zeit ist allerdings gekennzeichnet durch einen rasanten Anstieg der Verurteilungen und 1941-1945 durch die Anklage als „gefährlicher Gewohnheitverbrecher“. Der § 129 I b blieb rund 120 Jahre in Kraft – bis 1971.

Auch diese Stelle am Naschmarkt ist ein geeigneter Ort für ein solches Denkmal: Im Zentrum des historischen und gegenwärtigen Szene-Viertels (dem „warmen Wohnzimmer“ der Wiener Szene), an der Schnittstelle zwischen dem 4. und dem 6. Bezirk, würde es Einheimische und Gäste mit der Geschichte der Homosexuellen in Wien konfrontieren und zum Nach-Denken und Mit-Denken einladen.

Das temporäre Mahnmal 2015 – gut gemeint, aber schlecht gemacht

Was aber aktuell durch die Stadt und unter Federführung des „KÖR“ („Kunst im Öffentlichen Raum“) Gestalt angenommen hat, spottet jeder Beschreibung.

Das Thema der Ausschreibung und der diese umsetzenden Installation ist der „Zwangsapparat Heteronormativität“, die „unsere Gesellschaft als Weltanschauung bis heute prägt, Heterosexualität als soziale Norm postuliert und damit einen Standard vorgibt, an dem alles gemessen wird“. Abgesehen davon, daß der Begriff „Heteronormativität“ selbst vielfach weltanschauliche Züge trägt, „überfliegt“ dieses theoretische Abstraktionsniveau das konkrete Schicksal, das persönliche Leiden der verfolgten, gefolterten, angeklagten und verurteilten Männer und Frauen großräumig.

Es entsteht der begründete Eindruck, daß die Verantwortlichen mehr daran interessiert sind, öffentlich zu zeigen, wie musterhaft sie queer-feministische Theorien „internalisiert“ haben und wie wenig sie daran interessiert sind, die staatlichen Verfolgungen und Repressionen vor und nach der NS-Zeit in Wort und Bild für die zum Opfer gewordenen Homosexuellen zu bekennen.

Denn auch bei den Mahnmalen für die jüdischen Opfer, kommt niemand auf die Idee, eine „Normativität des Christentums“ oder die „Normativität der arischen Rasse“ ins Zentrum zu stellen, es werden nicht die Täter und deren Ideologie kritisiert, sondern es wird der Opfer ehrend und der Taten mahnend gedacht.

Wenn, wie bei der Eröffnung am 28. April mehrfach betont wurde, jedes Denkmal mehr über die Zeit aussagt, in der es errichtet wird, als über die Zeit oder die Ereignisse, der es gedenkt, leben wir zweifellos in ästhetisch anspruchslosen Zeiten. Angesichts des Werkes der Künstlerin Simone Zaugg enttäuscht diese Installation nicht nur hinsichtlich der Widmung, sondern auch aus sich selbst, wobei es in der Ausführung auf die leichte Schäbigkeit der Mariahilfer „Gedenkobjekte“ des Projekts „Erinnern für die Zukunft“ verweist.

Für ein würdig(er)es Erinnern an die Opfer

Für mich als Wiener Schwulen in Mariahilf mit dem feinen Sensorium für Intellektuell-Künstlerisches, das uns homosexuelle Männer ja von unseren heterosexuellen Artgenossen unterscheiden soll, ist diese – Gottseidank temporäre – Installation schlichtweg eine Beleidigung, wenn nicht gar eine neuerliche Demütigung.

In Anlehnung an die allbekannten T-Shirt-Aufdrucke könnte ich für die Opfer mit Fug und Recht sagen: „Ich bin denunziert, verfolgt und mißhandelt worden – und alles, was ich dafür bekommen habe, ist dieses Gestänge.“

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Der Autor Joachim Losehand ist Kulturhistoriker, freier Mitarbeiter des Zentrum Qwien für schwul/lesbische Kultur und Geschichte und kandidiert in Mariahilf für NEOS – Das neue Österreich und Liberales Forum.