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Der lange Weg zur Zentralmatura

13.05.2015 Benedikt Koch

… mit vielen Hindernissen. Zentralmatura? – eine Lüge. Fairness? – nur bedingt. Doch fangen wir von vorne an.

Die diesjährige Matura besteht aus drei „Säulen“: der Vorwissenschaftlichen Arbeit (eine Arbeit über ein selbstgewähltes Thema mit einem Umfang von 40000 – 60000 Zeichen), der schriftlichen und der mündlichen Matura. Um ein Maturazeugnis in den Händen halten zu können, muss man jeden einzelnen Teil positiv abschließen. So gesehen hat alles schon in der 7.Klasse mit der Vorwissenschaftlichen Arbeit (kurz VWA) angefangen.

Am Beginn der 7. Klasse konnten wir das Thema unserer Arbeit frei wählen. Jedem wurde ein Betreuungslehrer zu Seite gestellt, der uns unterstützen und uns schließlich auch benoten sollte. Um uns ideal darauf vorzubereiten, führte meine Schule (und andere auch) im zweiten Semester sogenannte Vorbereitungsstunden ein. Für uns bedeutete das, zwei Stunden mehr in der Schule ausharren zu müssen, was ja eigentlich gar nicht so schlimm gewesen wäre, hätten wir dort tatsächlich etwas gelernt. Es war nämlich so: die hohen Herren vom Bifie hatten es sich augenscheinlich zur Aufgabe gemacht, uns Schüler zu verwirren und uns zu verunsichern – was ihnen auch mit Bravur gelang. Jede Woche änderten sie die formalen Kriterien, jede Woche wurde jenes so, etwas anderes so genannt (von Forschungsfrage, zu Leitfrage, zu Leitthema und wieder zurück). Es war so, als ob man für einen Test lernen würde, sich aber der Lernstoff jedes Mal ändert. Wir waren, gelinde gesagt, erbost. Jene Stunden, die eigentlich so wichtig gewesen wären, erwiesen sich als sinnloses-in-der-Schule-sitzen, sodass viele einfach schwänzten. Als dann die 8. Klasse anbrach, hatte ich schon zu schreiben begonnen. In mühsamster Arbeit habe ich zwei Wochen meiner Sommerferien dazu verwendet, die teils kryptischen Bifie Webseiten nach hilfreichen Informationen zu durchforsten. Selbst die Betreuungslehrer, die Einschulungskurse besuchen mussten, standen oftmals auf der Leitung, denn es wurden wieder und immer wieder die formalen Kriterien der VWA abgeändert. Im Grunde genommen hatte keiner eine Ahnung wie die fertige VWA aussehen sollte.

Zwischendurch wurden die neuen „kompetenzorientierten“ Schularbeiten vom Bifie an uns getestet. Alles war dabei: von Mathematikschularbeiten, in denen man mehr schreiben muss als rechnen, über Deutschschularbeiten, die Rechtschreibfehler in der Angabe enthielten und deren Fragestellungen vage formuliert bzw. gar nicht zum Thema passten. So kamen wir mehr oder weniger gut durch das erste Halbjahr.

Gleich nach den Semesterferien wurde von uns verlangt, unsere VWAs bis Ende der Woche hochzuladen. Dass hätten wir ja auch gerne gemacht, wenn es funktioniert hätte. Blöd nur, dass die Server vom Bifie dermaßen überlastet waren. Wer hätte ja auch gedacht, dass die Schüler alle zugleich ihre Arbeiten hochladen? Zuerst machte sich Panik breit, denn es hing ja unsere Matura und damit unsere Zukunft davon ab, doch schließlich entwickelten wir effektive Gegenmaßnahmen. Beliebt war z.B. um 3 Uhr morgens aufzustehen und sie dann hochzuladen oder, wie in meinem Fall, Schule zu schwänzen, um es am Vormittag zu probieren. Schlussendlich hatte es meine ganze Klasse geschafft, wir waren erschöpft, ich war erleichtert und mein Vertrauen in die Regierung war komplett zerstört.

Jetzt mussten wir nur noch unsere Arbeiten vor einem Gremium präsentieren und diskutieren. In meinem Fall sollte ich ein halbes Jahr Arbeit und 50 Seiten in eine 5 minütige Präsentation quetschen. Es verlief relativ reibungslos, auch wenn die Notenvergabe teilweise sehr willkürlich ausfiel. Gute Schüler mit strengen Lehrern bekamen oft schlechte Noten und andersrum – Stichwort Zentralmatura! Wollte man davon nicht wegkommen?

Anfang Mai startete dann die schriftliche Matura. Für mich war Deutsch an erster Stelle. Nervöser noch als die Schüler waren die Lehrer. Das ganze Jahr über haben sie über das Bifie geklagt und zu Recht. Das Bifie hatte ihnen jede Art von Spielraum geraubt. Wenn die Hälfte der Klasse etwas nicht konnte, musste gnadenlos weitergemacht werden, denn es galt, den vom Bifie vorgesetzten Lernstoff (der viel zu groß gefasst wurde) durchzubringen. Auf Interessen von Schülern konnte nicht mehr eingegangen werde, was ich persönlich in Deutsch besonders schmerzlich fand – Kein Schiller, kein Kleist, kein Mann, kein Hesse mehr. Eine Katastrophe für literarisch zugeneigte Personen. Also beteten die Lehrer, dass der mangelhafte Unterricht reichen würde, um uns sicher durchzubringen.

Die Themen der Deutschmatura waren gut gewählt, nicht zu einfach, nicht zu schwer, für jeden etwas dabei. Einzig die Fragestellungen waren teils unkonkret und hatten keine Tiefe, man musste nichts mehr wissen, sondern nur aus den Inputtexten zusammenfassen. Aber das kannten wir ja schon von den Schularbeiten. Englisch ging auch einigermaßen gut. In Mathe durften wir wieder einmal mehr schreiben, als rechnen, mehr interpretieren als logische Schlüsse ziehen. Jetzt kommt aber noch der Gipfel. Gleiche Ausgangsbedingungen? – von wegen. Manche Schulklassen, die die Oberstufe lang mit einem Computer gearbeitet haben, durften diesen auch verwenden – mit Rechtschreibprogramm in Deutsch und Englisch, mit Grafiken in Mathematik! Fairness sieht anders aus.

Fazit: die Zentralmatura ist ein Flop. Sie ist weder zentral noch fair, damit sind ihre Ziele verfehlt. Die Umstellung und Umsetzung war eine schwere Belastung für Lehrer und Schüler. Der Unterrichtsstoff in Fächern wie Mathematik und Deutsch wurde an die Oberfläche katapultiert. Im Juni steht die Mündliche an, wo die Aufgaben nicht vom Bifie, sondern wieder von den Lehrern gestellt werden. Zentralmatura? Nein danke!

Benedikt Koch, 18 Jahre und Maturant des Gymnasiums Wenzgasse, ist bei JUNOS aktiv.