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Die Entwicklung im Wiener Gesundheitswesen aus Sicht einer nicht ganz Außenstehenden

07.04.2015 Anna Kreil

Seit Menschengedenken wird die Gesundheitsversorgung in diesem Land über verschiedenste Systeme finanziert. Man könnte vereinfacht sagen, Krankenkassenbeiträge fließen für den niedergelassenen Bereich, Steuergelder für den Spitalsbereich, Selbstbehalte in allen Bereichen – und dann gibt es noch eine Unmenge an Querfinanzierungen.

Dieses undurchschaubare Kompetenz- und Finazierungswirrwarr wurde jetzt durch die Unterstützung der Stadt Wien für die ersten Primary Health Care (PHC) Zentren um eine weitere Facette reicher. Für solche PHC-Zentren wird eine bestehende Ordination personell aufgestockt, Kassenverträge werden in einem Bezirk zusammengefasst und schon macht man aus ehemaligen Einzel- bzw. Gruppenordinationen solche Zentren.

Ob diese Art von Ordinationen einen Beitrag zur Entlastung der Spitäler bringen werden, möchte ich an einem kleinen Rechenbeispiel hinterfragen: Wien als Großstadt würde (wenn man annimmt, dass pro 1.800 Einwohner ein Hausarzt zur Verfügung steht – eine ohnehin schon hohe Zahl) ungefähr 200 solcher PHC Zentren benötigen, in denen jeweils 5 Hausärzte/Praktiker arbeiten, um gemeinsam eine Wochenöffnungszeit von 7×10 h zu ermöglichen.

Die geplanten Zentren entsprechen mit Öffnungszeiten von 50h/Woche und weniger Hausärzten nicht ganz den optimalen Kriterien. Wie auch immer, wenn die Wiener Politik gemeinsam mit den Krankenkassen in der aktuellen Etablierungsgeschwindigkeit von 2 PHC-Zentren in 2 Jahren diese Planungen umsetzt, dann haben wir doch schon 2115 unser Ziel erreicht! Die Dienstzeit der angestellten Ärzte allerdings hat sich ja eigentlich schon seit Jänner 2015 reduziert (durchschnittlich 48 statt 60 h/Woche wie bisher) auch wenn man das Gefühl hat, dass die Zeitrechung in Wien eine andere ist (Beginn der „neuen Ära“ offiziell erst mit 1.7.2015) und ein Spitalskonzept mit dem schönen Namen „2030“ bereits deutlich früher eine massive Reduktion der Spitäler und Spitalsbetten in Wien vorsieht.

Unklar bleibt, was im Wiener Gesundheitssystem zwischen 2015 und 2115 in der Folge dieser Entwicklungen los sein wird. Die private Medizin wird, teils von der Politik unterstützt, ausgebaut, das öffentliche System „umstrukturiert“ – was das wohl bedeutet?

Die Stadtpolitik und ihre millionenschweren externen Berater und Experten werden uns Allen mit Werbeeinschaltungen über das „weltbeste Gesundheitssystem“ sicher bald erklären, wie sich Wartezeiten auf OPs und in Ambulanzen, auf Pflegeplätze und teure Behandlungen effizient verkürzen lassen, egal was fast 88% der Ärzte (das war das Votum der Ärzte gegen die geplante Struktur- und Gehaltsreform in Wiens Spitälern), die dieses System am Leben erhalten, dazu sagen – Demokratie pur aus der Zeit des Mittelalters.

Wien ist ja scheinbar auch in der glücklichen Lagen, dass die verschiedenen Systeme wie kommunizierende Gefäße miteinander verknüpft sind – aber nur wenn es die Politik gerade so will, oder auch nicht – ist das nicht toll?

Wer kann und wird in Zukunft die Steuerung der Patientenströme übernehmen – die Rettung? Der Ärztefunkdienst? Die niedergelassene Ärzteschaft? Oder wird es dafür nach den nächsten Wahlen einen neuen „Patientenstrombeauftragen der Gemeinde Wien“ geben?

Laut Stadtpolitik ist doch alles in Ordnung. Es wurde sogar die Anzahl der Krankenkassenverträge für niedergelassene Ärzte in den letzten Jahren reduziert, weshalb auch die Behandlungsqualität steigen konnte, die ja nichts mit zeitlichen Ressourcen der Ärzte zu tun haben kann…. Sollte doch nicht alles in Ordnung sein, dann liegt das aus Sicht der Stadtpolitik sicher nicht an den Strukturen, sondern an den handelnden Personen „an der Front“, die nicht wollten, konnten, gierig oder einfach dumm und unfähig sind.

Wahrscheinlich habe ich in Mathematik zu gut aufgepasst, aber eine Reduktion in allen Bereichen (Personal, Arbeitszeit, Ressourcen, Spitälern und niedergelassenem Bereich) ohne echte, kontrollierte und qualitativ hochwertige Effizienzsteigerung auf allen Ebenen kommt letztendlich teuer. Und so „sparen“ wir fröhlich auf Kosten aller.

Ob die Investitionen im medizinischen Bereich alleine durch manchmal fragwürdige infrastrukturelle Maßnahmen, wie z.B. chaotische Neubauten, ohne dafür notwendige personelle Ausstattungen zielführend sind, werden uns dann wohl unsere Enkel erzählen, für die das Fach „Blutabnehmen“ schon in der Schule für die eigenen Arztbesuche im Lauf des Lebens essentiell sein wird.

 

Anna Kreil ist Fachärztin für Innere Medizin und Kandidatin zur Gemeinderatswahl auf Listenplatz 10.