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Die Glocken von Reindorf

Jeden Sonntag singen sie mir zu, die Kirchenglocken der Pfarre Reindorf. Seit 46 Jahren. Und jeden Sonntag erinnern sie mich an meine wunderbare Kindheit und Jugend als Wiener Vorstadtbub. Mein Papa hat die Kirchenpharisäer ja nie leiden können. Aber weil es der Mama wichtig war, ist er halt zu Ostern und Weihnachten mitgegangen. Ganz hinten hat er den Worten des Pfarrers zugehört, ab und zu leicht den Kopf geschüttelt und manchmal unmerklich das Gesicht verzogen – so, dass es halt die Mama nicht bemerkt. Wahrscheinlich hat er dabei sehnsuchtsvoll an seinen Brunnenmarkt gedacht, dort, wo er als Arbeiterkind aufgewachsen ist. Die Mama war halt „a Fuhrwerksunternehmerstochter“, wie er sie immer in ironischem und gleichzeitig zärtlichem Tonfall bezeichnet hat. Worauf sie ihn dann immer lächelnd „Hausmeisterbua“ genannt hat. Er hat die SPÖ, sie die ÖVP gewählt. Man einigte sich auf Kreisky und Busek, aber mehr wurde kaum politisiert. Sie ließen einander sein. Auch wenn`s manchmal mit inneren Schmerzen begleitet war. Als die Mama es unterstützte, dass ich als Ministrant in der Reindorfkirche mithelfe, sagte er nichts. Aber es war ein lautes Schweigen.

Andreas Leszkovsky

Mit 19 bin ich ausgetreten aus der katholischen Kirche – Papa lächelte damals, meinte aber, ich soll das der Mama schonend beibringen. Sie trug es mit Fassung. Wahrscheinlich auch deshalb, weil sie selber mit vielem nicht einverstanden war. Aber an der ÖVP hielt sie fest. Bis zur schwarz-blauen Koalition. Da ging sie in die Reindorfkirche und legte ein Versprechen ab – nie wieder ÖVP wählen. Ab diesem Zeitpunkt wechselte sie zu Heide Schmidt und wählte nur mehr LIF. Papa war damals schon 6 Jahre tot. Ihm blieb sie bis heute treu. Während ich mich in der SPÖ engagierte, hörte ich immer wieder den Satz meines Vaters in mir: “Auf die Massen muss man aufpassen“. Und dann sprach er immer von Canetti und von der NS-Zeit. Und davon, dass die Sozialdemokratie längst keine demokratische Partei mehr ist. Als 1989 der Eiserne Zaun fiel, weinte er bitterlich vor Glück. Ich besuchte die Verwandten in Prag, stand auf dem Wenzelsplatz und erlebte Geschichte. Er wollte alles ganz genau wissen, was vor sich ging. Der Papa. So gestrahlt hatte er, wie ein kleiner Bub.

Im Gymnasium wurden wir Sechshauser von den Hietzingern, die mit der Stadtbahn in die Diefenbachgasse fuhren, mitunter von oben herab behandelt. Im 15. zu wohnen, war peinlich. Da fühlte ich mich dann auch als Arbeiterbub. Im Grätzl war ich allerdings immer einer, der nicht ganz dazu gehörte. Einmal hat die Mama gesagt, ich sollte mir auch Freunde suchen, die mehr Niveau hätten. Ich fühlte mich aber wohl im Auer-Welsbach-Park. Da haben wir jeden Tag Fussball gespielt. Und der dicke Türke (so haben wir ihn genannt) hat mir ständig Watschen verabreicht. Der hat aber dann einmal Watschen vom Zoran gekriegt. Das gefiel mir. Manchmal frage ich mich, wo die Leute von damals alle hin sind. Vom Zoran weiß ich, dass er im Balkankrieg getötet wurde.

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Jetzt haben die Glocken aufgehört zu läuten. Ich sitze wieder im Hier und Jetzt des 15. Wiener Gemeindebezirkes. Draußen schreit eine Frau ihre Kinder zusammen. Und ich krieg Hunger. Vor mir liegt der Wahlkampfflyer der NEOS. Dort engagiere ich mich als Spitzenkandidat für die Bezirksvertretung. Warum ich das mache? Weil mein ganzes Leben von Vielfalt geprägt war. Weil ich dazu was zu sagen habe. Weil ich anders denken will. Weil ich meinen Bezirk liebe. Was würde jetzt der Papa dazu sagen? „Mach es halt.“ Genau. Ich mach es halt. Dazu brauch ich keine Begründung. Das ist mein Leben.

Andreas Leszkovsky, Spitzenkandidat für Rudolfsheim-Fünfhaus