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NO FUTURE oder FLÜGEL HEBEN

Kürzlich machte mich eine liebe NEOS-Kollegin auf einen Policy Brief des Migration Policy Institute Europe & SIRIUS Networks zum Thema Early School Leavers aufmerksam. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund ihre Schulkarriere überdurchschnittlich oft noch vor Erreichen eines formellen Bildungsabschlusses beenden. Der Anteil an Schulabbrecher_innen war unter den im Ausland geborenen Jugendlichen mehr als doppelt so hoch (25,4%) wie der unter den im jeweiligen Mitgliedsstaat geborenen (11,5%). In Österreich war der Unterschied noch eklatanter: 17,7% zu 6,0%. Es verlassen also dreimal so viele im Ausland geborene Jugendliche wie einheimische Jugendliche die Schule frühzeitig!

*2012 Total Foreign-born Native-born
EU 28 12,7% 25,4% 11,5%
Austria 7,6% 17,7% 6,0%

Es entsteht hier eine No-Future-Generation mit schlechten Chancen am Arbeitsmarkt, die vom Sozialstaat abhängig sein wird. Ganz abgesehen vom persönlichen Unglück dieser jungen Menschen ist es also auch im ureigensten Interesse der Gesellschaft, hier einen Ausweg zu bieten.

Was sollen Gesellschaft, Politik und Schule nun tun?

  • Die Migrant_innencommunities ins Boot holen; erfolgreiche Menschen mit Migrationshintergrund als Role Models in den Schulen vorstellen; den Eltern mit Wertschätzung begegnen und ihnen ihre Bedeutung als Bildungspartner vor Augen führen. Die Bildungspolitik und die Schulen müssen „auf dem sozialen und kulturellen Kapital, das in den Migrant_innencommunities vorhanden ist, aufbauen, statt lediglich (angebliche) Defizite in Migrant_innenhaushalten zu kompensieren“**.
  • Bildungsberatung verbindlich anbieten, insbesondere vor wichtigen Weichen in der Schulkarriere wie vor dem Wechsel in die Sekundarstufe (dzt. zB AHS vs. NMS).
  • Ein Schulsystem schaffen, das die Kinder nicht zu früh trennt, das den Wechsel zwischen Schultypen möglich macht und mehrere verschiedene Wege zu höheren Bildungsabschlüssen und zur Hochschulreife bietet. Stichwort „Lehre mit Matura“, sodass man im Anschluss an eine Ausbildung im dualen System auch studieren kann. (Für Details zu all dem siehe das NEOS-Bildungskonzept unter https://partei.neos.eu/bildungswende)

 

SPRACHERWERB und SPRACHFÖRDERUNG

Ohne Zweifel ist das Beherrschen der Unterrichtssprache bzw. Standardsprache, also der Sprache der Mehrheitsgesellschaft, ein wichtiger Schlüssel zu schulischem Erfolg und zu gesellschaftlicher Integration. Dazu muss man Kinder aber nicht in segregierende Sprachkurse stecken (wie dies das aktuelle Kremser Papier der Bundesregierung offenbar vorsieht), die ihnen das Gefühl geben, ein Defizit zu haben. Nein, am besten lernen Kinder die Sprache voneinander und durch Sprachförderung innerhalb des regulären Unterrichts, und zwar nicht nur im Unterrichtsfach Deutsch, sondern in allen Fächern.

Ganz zu Beginn der Bildungslaufbahn muss natürlich der Kindergarten stehen, in dem die Standardsprache spielerisch und ganz nebenbei gelernt wird, während zu Hause bei den Eltern die Familiensprache(n) erworben werden. Ja, auch das gehört zum Spracherwerb: Wer seine Erstsprache beherrscht, tut sich mit weiteren Sprachen leichter. Zudem ist es ein enormer Startvorteil ins Leben, wenn man von Kindesbeinen an mehrere Sprachen geboten bekommt. Auch hier heißt es dran bleiben und muttersprachlichen Unterricht anbieten, damit die Kinder und Jugendlichen auch in der Hochsprache und schriftlich ein gutes Niveau erreichen. Man beachte auch die positiven Nebeneffekte: „Die Förderung der Erstsprache von bilingualen Kindern in Minderheitensituationen wirkt sich letztlich auch affektiv aus: Es entwickelt sich ein positives Selbstbild der eigenen Gruppe, eine positive Einstellung zur eigenen Sprache; und auch bei schulrelevanten affektiven Variablen wie Motivation, Ermöglichung des Kontaktes zwischen Schule und Elternhaus etc. ergeben sich positive Effekte.“***

 

Der KINDERGARTEN als ERSTE BILDUNGSEINRICHTUNG

Nun besteht ja – unter anderem zum Zwecke der Sprachförderung und der Vorbereitung auf die Volksschule – bereits ein verpflichtendes letztes Kindergartenjahr. Laut Zahlen der Statistik Austria zur Treffsicherheit der Kindergartenpflicht wurden gerade viele der Kinder, die man mit dem Gesetz zusätzlich in den Kindergarten bringen wollte, nicht erreicht. Viele Eltern schickten erst nach Androhung von Strafe ihre Fünfjährigen in die Bildungseinrichtung. Ich vermute aber, dass es oft nicht böse Absicht, sondern mangelndes Wissen ist, das Eltern vergessen lässt, ihre Kindern im Kindergarten anzumelden. Daher fordern wir Wiener NEOS mehr Bewusstseinsarbeit, Information und frühe Bildungsberatung für Eltern. So wie man derzeit den Gesundheitszustand der Kinder mittels Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen regelmäßig überprüft, muss man auch schon früh beginnen, die Sprachentwicklung zu beobachten. Wenn nötig könnten auch entsprechende Erinnerungs- und Mahnbriefe versandt werden, wie das derzeit bereits bei versäumten Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen der Fall ist.

Das ist aber nicht alles: Auch das Angebot an sich muss verbessert werden, damit es die Eltern annehmen. Wir brauchen mehr Qualität in der Elementarpädagogik. Kleinere Gruppen, ein besseres Betreuungsverhältnis und eine bessere Ausbildung der Betreuungspersonen. Und mehr Förderung der Mehrsprachigkeit. Denn „eine zeitgemäße Schule sollte davon ausgehen, dass individuelle Mehrsprachigkeit die Regel ist und eine zentrale gesellschaftliche Ressource darstellt.“*** Gerade in einerWeltstadtwie Wien.

 

Quellen:

* EUROPE 2020 TARGET: EARLY LEAVERS FROM EDUCATION AND TRAINING

**Ward Nouwen, Noel Clycq, and Daniela Uličná, EUROPE 2020 TARGET: EARLY LEAVERS FROM EDUCATION AND TRAINING

http://migrationpolicy.org/research/reducing-risk-youth-migrant-background-europe-will-leave-school-early

***Rudolf de Cillia, Spracherwerb in der Migration – Deutsch als Zweitsprache

https://www.bifie.at/system/files/dl/srdp_cillia_spracherwerb_migration_2011-10-11.pdf
Für besonders Interessierte hier auch noch zwei österreichische Studien zum Thema:

Mario Steiner, Abbruch und Schulversagen im österreichischen Bildungssystem

http://media.arbeiterkammer.at/wien/PDF/studien/bildung/IHS-Bericht_Mario_Steiner_2014.pdf

Quo Vadis Bildung? Eine qualitative Längsschnittstudie zum Habitus von Early School Leavers

http://media.arbeiterkammer.at/wien/PDF/studien/bildung/QuoVadisBildung_2014.pdf

 

An­ge­li­ka Pi­pal-Leix­ner ist Kan­di­da­tin zur Ge­mein­de­rats­wahl (Lis­ten­platz 9) und Mit­glied im Lan­des­team.