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Plädoyer fürs Kopftuch. Von einer Atheistin.

20.07.2015 Anna Vetter
Vor einiger Zeit war ich bei einer Veranstaltung der „Dokustelle für Muslime“, die sich zum Ziel gesetzt hat Muslimen und Muslimas, die Übergriffe auf Grund ihrer Religionszugehörigkeit erleben, „Dokumentation, Aussprache, Beratung, Empowerment“ anzubieten. Ich kam im Rahmen der Veranstaltung mit einigen jungen Frauen ins Gespräch, die mir erzählten, dass viele Kopftuchtragende Frauen in Wien erleben, dass ihnen – in Begleitung rassistischer Beschimpfungen – das Kopftuch vom Kopf gezogen wird. Insbesondere ältere Frauen in der U6 sollen von diesen Übergriffen betroffen sein.Am selben Tag hatte Zara ihren jüngsten „Rassismus Report“ veröffentlicht: Die Zahl der Übergriffe auf Muslime/Muslimas hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Den Grund dafür sieht ZARA in “politischer und medialer Stimmungsmache” und falle mit der Verbreitung der Gräueltaten der Terrorgruppe “IS” im Internet zusammen. Die Tendenz gehe in Richtung “Diffamierung einer ganzen Religionsgemeinschaft”. Der Report berichtet insgesamt von einer Zunahme an Gewalt auch gegenüber Jüdinnen und Juden, Roma und anderen Gruppen.Am selben Abend habe ich einen Blogeintrag von Alice Schwarzer gelesen, die das Kopftuch vehement ablehnt. Anlass ihres Blogeintrags war ein Spruch des Karlsruher Verfassungsgerichtshofes, der das pauschale Verbot des Tragens eines Kopftuchs von Lehrerinnen in einigen Bundesländern aufhob.

Dieser Tag hat mich einigermaßen ratlos zurück gelassen. Da erzählen mir junge Wienerinnen von regelmäßigen rassistischen Übergriffen, die sie erleben, weil sie ein Kopftuch tragen. Da werden Zahlen publiziert, die dieses Erleben untermauern. Da schreibt Alice Schwarzer einen selten dummen Text, über den ich mich gewaltig ärgere. Und trotzdem weiß ich nicht recht, was denken. Wie stehe ich eigentlich zum Tragen des Kopftuchs, gerade im öffentlichen Raum, in Schulen, etc? Deswegen bin ich die halbe Nacht wach gelegen und habe versucht folgendes Dilemma für mich aufzulösen:

Ich bin Atheistin. Ich bin Atheistin mit starker säkularer Überzeugung. Ich trete vehement für eine Trennung von Kirche und Staat ein. Ich lehne Religion aber nicht ab, sondern halte sie für etwas höchst Privates.

Innerhalb dieser individuellen Religiosität muss es möglich sein, dem eigenen Glauben durch Symbolen Ausdruck zu verleihen. Auch wenn es mir als Nichtgläubige fremd ist, so tragt doch ein Kreuz oder einen Davidstern, bindet euch ein weißes Band ums Handgelenk, tragt die Kippa, eine Perücke oder das Kopftuch. Macht das, obwohl es mir echt schwer fällt, die zur Schau getragene Religiosität zu akzeptieren, weil ich im Religiösen, egal welcher Richtung, so viel finde, was mich massiv stört.

Aber was mich noch viel mehr stört, ist der Hass auf „das Andere“. Dieser Rassismus, der im vorgeblichen Verteidigen der eigenen Werte zu Tage tritt. Und nichts anderes ist Alice Schwarzer vorzuwerfen, wenn sie über den Verfassungsgerichtshof-Spruch schreibt: „Die Islamverbände, die wahrscheinlich wie meist auch in diesem Fall hinter den zwei durch alle Instanzen klagenden Lehrerinnen stehen, jubeln über das Urteil. Es geht für sie in die richtige Richtung: nämlich in die der Infiltration islamistischen Gedankengutes in alle demokratischen Institutionen.“ Schwarzer stellt in ihrem Artikel Behauptungen in den Raum, die weder belegt noch fundiert sind. Sie bedient sich einer Sprache, die ungemein emotional aufgeladen ist. Sie stellt unzulängliche Vergleiche her. Kurz: Sie hetzt.

Schwarzer hetzt übrigens auch in eine andere Richtung, wenn sie schreibt: „Sechs deutsche Verfassungsrichter – darunter zwei Richterinnen, eine von ihnen ´verpartnert´ – haben sich nun erlaubt, (…).“ Warum zum Teufel soll es jemanden etwas angehen, ob die Mitglieder des obersten deutschen Rechtsprechungsorgans verheiratet, verpartnert, homo oder hetero sind??

Es gilt die Religionsfreiheit – dazu gehört auch das Tragen von religiösen Symbolen. Wenn wir einer bestimmten Religion das Recht dazu verbieten und den anderen nicht, dann resultiert das in Abschottung, Segregation und im schlimmsten Fall Radikalisierung.

Auch wenn ich persönlich nicht dafür stehe, wofür das Kopftuch steht, darf das Recht es zu tragen niemanden abgesprochen werden. Oder um es in Anlehnung an Voltaire zu sagen: „Ich teile zu 100% nicht diese Meinung, würde aber alles dafür tun, damit sie vertreten werden kann.“

Anna Vetter kandidiert für den Wiener Gemeinderat auf dem 7. Listenplatz.

Dieser Artikel wurde am 26. März auf stadtliberal.com veröffentlicht.