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Trübe Aussichten für die höheren Schulen in Brigittenau

In den ersten beiden Blogartikeln zum Thema Bildung (Teil 1 und Teil 2) haben wir bereits die schwierige Bildungssituation in der Brigittenau aufgezeigt. In diesem dritten Teil wollen wir einen Blick in die Zukunft werfen, der – wie es scheint – alles andere als rosige Aussichten bietet.

Wenn Schulen nicht vorhanden sind, können sie nicht besucht werden

Die multikulturelle Bevölkerung der Brigittenau deckt sich zu einem guten Teil mit bislang eher bildungsfernen Schichten. Gerade darum ist es notwendig entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, um ein Angebot für eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Denn was nicht da ist, kann auch nicht genutzt werden.

Die Hypothese lautet: Wenn es eine höhere Schule im näheren Wohnumfeld gibt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese auch besucht wird. Je weiter weg das Schulangebot ist, desto weniger wird es angenommen. Klingt plausibel – nicht nur für multikulturelle Bevölkerungsschichten.

Es ist absolut notwendig, höhere Schulen im 20. Bezirk zu bauen. Im Idealfall sind das berufsbildende höhere Schulen, bei denen die Absolventen und Absolventinnen eine fertige Berufsausbildung erlangen und somit qualifiziert am Arbeitsmarkt teilnehmen können. Wie beispielsweise Handelsakademie oder HTL.

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Entwicklungsgebiet ohne Entwicklung

Das größte Stadtentwicklungsgebiet im Bezirk ist derzeit das Nordwestbahnhofgelände, das rund 44 ha umfasst. Mit einer Größe von etwa 60 Fußballfeldern wird das Gelände in den nächsten Jahren sukzessive bebaut und bietet somit aus bildungspolitischer Sicht ein enormes Potenzial für entsprechende Schulneubauten.

In einem Leitbild aus den Jahren 2006 – 2008, das 2016 überarbeitet wurde, finden sich viele Projekte, aber zu wenige Schulstandorte bzw. Ausbildungsplätze. Damit werden die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte weiter verstärkt. In den nächsten Jahren werden 12.000 bis 15.000 neue Bewohner_innen in die Brigittenau ziehen. Die ohnehin schon schwierige Bildungssituation wird durch die drei geplanten Schulstandorte und fünf neuen Schulen, wie es derzeitigen Infos zu entnehmen ist, kein bisschen besser.

Besonders erschreckend ist, dass nur zwölf Klassen für Jugendliche von 14 bis 19 Jahren vorgesehen sind. Bereits heute gibt es in der Brigittenau zu wenige Ausbildungsmöglichkeiten für diese Altersklasse. Am Höchstädtplatz wurde vor Jahren die Chance verpasst, eine Handelsakademie zu errichten. Dort findet sich nun ein Teil der FH Technikum Wien. Warum? Angeblich kam es zu „Meinungsverschiedenheit wegen der Parkplätze“ (so der Originalton der ehemaligen Bezirksvorstehers Lacina zu mir in einem persönlichen Gespräch).

Alles in allem eine fatale Fehlplanung, die sofort überdacht werden muss!

Aus der Schule direkt zum AMS – gibt es einen anderen Weg?

Mit der fehlenden Ausbildung gehen viele weitere Probleme einher. Die jungen Menschen in der Brigittenau haben weniger Chancen am Arbeitsmarkt. Die Gefahr vom Bildungssystem direkt ins Sozialsystem abzurutschen, ist enorm. Es wächst die „Generation AMS“ heran. Das kann und darf nicht der vorgezeichnete Lebensweg vieler junger Menschen sein!

Wie dramatisch diese Entwicklung besonders bei Schüler_innen eines Polytechnikums ist, schildert der Standard erst vor wenigen Tagen im folgende Artikel: Wer übrig bleibt, besucht das Poly. Die NEOS fordern unter anderem eine Aufwertung des Polys, um den Jugendlichen klare Perspektiven für die Zukunft zu geben.

Ohne entsprechend gute Ausbildung haben viele Menschen einen deutlich geringeren Lebensstandard. Aber wie kann die Richtung geändert werden, damit es zu einer Win-Win-Situation kommt?

Die Lösung sind sicherlich mehr Lehrkräfte für die bestehenden Schulen (Begleit- und Stützlehrkräfte sowie speziell ausgebildete Lehrkräfte für Deutsch als Fremdsprache) und mehr Schulplätze für eine Höherqualifizierung bis zur Matura.

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Weniger Sonderpensionsleistungen, mehr Bildung

Statt jedes Jahr viele Milliarden für Pensionssonderprivilegien zur Verfügung zu stellen, sollte dieses Geld in das Bildungssystem fließen. Die Mehrfachpensionen sowie unverschämt hohen Sonderprivilegien aus geschützten Sektoren müssen eingedämmt und langfristig abgeschafft werden. Niedrige Pensionen hingegen sollen auf ein Mindestmaß angehoben werden, damit keine sozialen Härtefälle entstehen.

Durch jahrelanges Wegschauen und Ignorieren von Fakten durch die Stadt Wien entstehen laufend größere Probleme. Es ist höchste Zeit hier konkrete Maßnahmen zu setzen!

Fazit zum Bildungsstandort Brigittenau

Die verstärkte Zuwanderung nach Österreich, insbesondere nach Wien und hier wiederum in bestimmte ausgewählte Bezirke, zu denen auch der 20. Bezirk zählt, wird auch in den nächsten Jahren anhalten. Kinder mit Migrationshintergrund wachsen hier zu einer verlorenen Generation heran (Generation AMS). Die relative Anzahl der Risikoschüler_innen mit Migrationshintergrund ist doppelt so hoch wie bei Kindern mit deutscher Erstsprache. Eine Entwicklung, die uns allen nicht zugutekommt – wegschauen und schönreden ist hier fehl am Platz!

Das Bildungssystem ist in Wien und in der Brigittenau doppelt überfordert: Es gibt zu wenige Schulen (Ausbildungsplätze) zur Höherqualifizierung und das bestehende Schulsystem nimmt kaum Rücksicht auf mangelnde Deutschkenntnisse, da viel zu wenige Lehrkräfte für die Kinder zur Verfügung stehen. Besonders betroffen sind aber auch die Schüler_innen selbst – jene, die die Unterrichtssprache beherrschen, genauso wie jene, die nur mit Mühe dem Unterricht folgen können. Das führt zu Demotivation und sie beenden die Pflichtschule mit schlechten Noten oder sie brechen eine weiterführende Ausbildung früher ab. Eine Lose-Lose Situation.

Das bestehende System ist ein Risiko für uns alle. Eine katastrophale Situation auch für die Wirtschaft, die bei Lehrberufen vor einem weiteren, scheinbar unlösbaren Dilemma steht.

 

Ivana Gaspar & Heidemarie Zimmermann