Die Zukunft der Mode liegt in Meidling
Talent, Mut und Optimismus bei der großartigen Abschlussmodeschau in Hetzendorf.

Hat es überhaupt noch Sinn, in Europa Modedesigner und Bekleidungsgestalter auszubilden? Diese Frage drängt sich auf, wenn man die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte betrachtet. Seit den 1980er-Jahren ist die europäische Bekleidungsindustrie Betrieb für Betrieb verschwunden. Die Produktion wurde in Niedriglohnländer verlagert und bietet den Konsument:innen genau das, was der Markt verlangt: solide Massenware zu konkurrenzlos günstigen Preisen.
Doch Mode besteht aus weit mehr als Produktion. Trends wie Nachhaltigkeit, Upcycling, Vintage oder Re-Use wurden nicht von internationalen Konzernen erfunden. Sie entstanden in den Ateliers unabhängiger Designer und kleiner Labels. Heute springen auch die finanzstarken Modeketten auf diese Themen auf, wie ein Blick in ihre aktuellen Sommerkollektionen zeigt. Individualität wird zum Massenprodukt, Authentizität zur Marketingstrategie. Gleichzeitig macht diese Entwicklung deutlich, wie groß der Wunsch nach Kleidung mit Charakter geworden ist.
Genau hier setzt die Modeschule Schloss Hetzendorf an. Seit 90 Jahren werden dort Berufe gelehrt, die andernorts längst verschwunden sind: Modisterei, Strickdesign, Taschen- und Schuhdesign sowie Bekleidungsdesign. Die Schule bewahrt traditionelles Handwerk nicht als Museumsstück, sondern entwickelt es mit Kreativität und Innovationsgeist weiter. Viele Absolvent prägen heute die Wiener Designszene, gründen eigene Labels oder arbeiten erfolgreich im In- und Ausland.
Diese Ausbildung ist weit mehr als die Pflege alter Handwerkstechniken. Sie ist eine Investition in kulturelle Identität, regionale Wertschöpfung und den Kreativstandort Wien. Europa wird seine Zukunft nicht über niedrige Löhne sichern, sondern über Ideen, Qualität und Innovation. Gerade in Zeiten volatiler globaler Lieferketten, knapper Ressourcen und eines wachsenden Umweltbewusstseins gewinnen langlebiges Design, hochwertige Verarbeitung und regionale Wertschöpfung wieder an Bedeutung.
Bei der Abschlussmodeschau der Modeschule Schloss Hetzendorf im Juni war diese Zukunft bereits auf dem Laufsteg zu sehen. Die Begeisterung der jungen Designer war ebenso spürbar wie ihr Mut, neue Wege zu gehen. Ihre Kollektionen zeigten Kreativität, handwerkliche Präzision und den Willen, Mode neu zu denken.
Kreative Berufe sind kein Luxus. Sie gehören zu den Grundlagen einer modernen europäischen Wirtschaft, die sich über Wissen, Gestaltung und kulturelle Identität definiert. Die Zukunft der europäischen Mode wird nicht in der Massenproduktion entschieden. Sie entsteht in den Ateliers, Werkstätten und Schulen, in denen junge Menschen den Mut haben, Neues zu entwerfen.
Vielleicht liegt die Zukunft der Mode tatsächlich dort, wo man sie nicht auf den ersten Blick vermutet – in einem Schloss in Wien-Meidling, in dem seit fast 90 Jahren Kreativität, Handwerk und Innovationsgeist eine außergewöhnliche Verbindung eingehen.



